How terribly true to be 70. Die »Sounds of Simon« wären ohne Garfunkel nicht möglich

Gut drei Wochen nach Paul Simon hat am heutigen Samstag auch Art Garfunkel die 70 erreicht, ein Alter, das in »Old Friends/Bookends« eine unvorstellbare, »seltsame« Aura umgab: »Can you imagine us / Years from today / Sharing a park bench quietly? / How terribly strange / To be seventy«.

Ob und wie sich die beiden Mittzwanziger einst ihr Leben mit siebzig vorgestellt haben, ob mit oder ohne Parkbank, ist unwichtig. Von Bedeutung ist vielmehr, dass Simon & Garfunkel, ein Duo, das nur knappe fünf Jahre, von 1965 bis 1970, fünf Studioalben veröffentlichte, von Anfang an aus der Masse der psychedelischen Sixties-Rock-Bands mit einem ganz speziellen »Sound of Silence« herausragte, einer unbekannten und nie erreichten Meisterschaft in Melodie und Text, gepaart mit zwei unverwechselbaren, sich ergänzenden Stimmen, die an Brillanz noch immer kaum etwas eingebüßt haben.

Noch immer laufen Stücke wie »The Boxer« oder »Bridge Over Troubled Water« oder »Mrs. Robinson« im Radio, noch immer erreichen diese Hits Top-Platzierungen in den Listen der besten Songs aller Zeiten. Ein wegweisender Spielfilm wie Die Reifeprüfung hätte ohne die Musik aus der Feder Paul Simons niemals eine so eindringliche Wirkung entfaltet. Unvergessen die letzte Einstellung, in welcher Ben und »seine« Braut Elaine erst glückselig und stolz, dann von der eigenen Verwegenheit überwältigt auf der Rückbank eines Busses sitzen und die vertrauten Akustikklänge des »Sound of Silence« einsetzen. Reifeprüfung-Regisseur Mike Nichols, der am morgigen Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, heimste für sein musikalisch veredeltes Drama einen Oscar ein und drehte kurz darauf mit Art Garfunkel die Antikriegssatire Catch-22. Unvergessen auch der Titelsong des Zeichentrickfilms Unten am Fluss, die Mike-Batt-Komposition »Bright Eyes«, der Garfunkel Ende der 1970er Jahre die »kristallinen Bögen« (Ulf Erdmann Ziegler, FAZ v. 13.10.2011, S. 31) seiner Singstimme lieh und die ihm seinen gewichtigsten Solo-Erfolg bescherte.

Zu jenem Zeitpunkt waren Garfunkel, der Vielleser und studierte Mathematiker, der »sich immer nicht als Songschreiber, sondern als Sänger gesehen [hat], weniger als Urheber denn als ausführender Künstler« (Tilman Spreckelsen, FAZ v. 31.10.2011, S. 30), und Simon, der literarisch geschulte Songpoet und versierte Instrumentalist, längst getrennte Wege gegangen. Es war vor allem Paul Simon, der sich weit über die vereinte Schaffensphase hinaus als kontinuierlicher Hit-Lieferant entpuppen sollte.

Seine ersten Auftritte absolvierte das Duo noch unter dem Namen Tom & Jerry; Art Garfunkel trat zu jener Zeit auch unter dem Pseudonym Tom Graph auf. In dem Song »The Only Living Boy in New York« vom letzten Studioalbum Bridge Over Troubled Water rief Simon diese Ursprünge wieder in Erinnerung: Garfunkel, der gerade zum Set von Catch-22 nach Mexiko gereist war, wird hier als »Tom« angesprochen und mit dem Appell »get your plane right on time« bedacht, während der Ich-Erzähler als »The only living boy in New York« zurückbleibt.

Von mehreren sich danach ergebenden Wiedervereinigungen war derjenigen, mit der 1981 der New Yorker Central Park beglückt wurde, der größte Widerhall beschert. Mehr als zwanzig Jahre später wurde dann der Übergang von Tom & Jerry zu Simon & Garfunkel näher beleuchtet, denn während der »Old Friends«-Tour 2004 erfuhr man, dass es in der damals 50-jährigen Freundschaft zwischen den beiden nur ein einziges Streitthema gegeben hätte: Art Garfunkel erzählte, er hätte die Band eigentlich »Garfunkel & Simon« nennen wollen, worauf Paul Simon verschmitzt reagierte: »We should do that.« Warum es dann doch nicht zu diesem Namen gekommen wäre, erklärte Garfunkel wie folgt: »He convinced me that it should be alphabetical.«

Noch immer gibt es leider keine gemeinsame Biographie Paul Simons und Art Garfunkels auf dem deutschen Markt. Eine Lücke, die mit den 70. Geburtstagen der old friends sicherlich in nicht allzu ferner Zukunft geschlossen werden dürfte. Falls nicht, stehen wir als Übersetzer der englischsprachigen Biographien gerne bereit.

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