Life begins at 40

John Lennon zum 30. Todestag

Von Kristy Husz und Nico Schulte-Ebbert

When the Music Died – so betitelt das Time Magazine seine Ausgabe vom 22. Dezember 1980. Das Cover zeigt eine Zeichnung des zwei Wochen zuvor in New York City erschossenen John Lennon. Der Titel spielt auf ein vergleichbares, die Rock-Welt erschütterndes Ereignis an: Am 3. Februar 1959 sterben die Musiker Buddy Holly, Ritchie Valens und J. P. Richardson, besser bekannt als »The Big Bopper«, sowie der Pilot Roger Peterson bei einem Flugzeugabsturz nahe Clear Lake in Iowa. Zwölf Jahre später bezeichnet Don McLeans Song American Pie diesen Tag als The Day the Music Died und bringt damit einen feststehenden Begriff in den sonst so unsteten Rock’n’Roll-Zirkus ein.

»Before Elvis there was nothing«
Doch ähnlich der Lyrik, die nach dem Adornoschen Diktum, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, jeglicher Existenzberechtigung beraubt werden sollte, ist die Musik weder 1959 noch 1980 gestorben. Ja, selbst das Jahr 1977, in dem der »King« höchstpersönlich, Elvis Presley, stirbt – ein Ereignis, das Greil Marcus als »Explosion, die in aller Stille stattfand«, beschreibt –, versetzt der Musik keinen Todesstoß: »Der König ist tot, es lebe der König!« Was jedoch die Tragik gerade an Lennons Tod ausmacht, ist die intendierte Tötung, der Mord, der sich absetzt vom Unglück eines Flugzeugabsturzes und eines (mehr oder weniger) natürlichen Ablebens. Einer von Lennons letzten Songs, die nie über ihre Homerecording-Phase hinausgekommen sind, trägt den Titel Life begins at 40, veröffentlicht auf CD 4 der John Lennon Anthology (Capitol Records, 1998). Mit näselnder Country-Attitüde beginnt der fast vierzigjährige Musiker nach einer kurzen Einleitung die erste Strophe: »They say life begins at forty, / Age is just a state of mind. / If all that’s true, / You know, that I’ve been dead for thirty-nine.« Durch die darin enthaltene Ironie des Schicksals – Lennon wird zwei Monate nach seinem 40. Geburtstag von Mark David Chapman ermordet – besitzt das Lied eine Symbolkraft, die sich mit derjenigen des berühmten Verses aus American Pie durchaus messen kann.

»There are places I remember«
Geboren wird John Lennon am 9. Oktober 1940 in Liverpool. Sein Vater Alfred verläßt die kleine Familie früh, seine Mutter Julia kommt bei einem Autounfall ums Leben, als Lennon siebzehn Jahre alt ist. Er wird ihr später eindringliche Songs wie Julia, My Mummy’s Dead oder das von Arthur Janovs Primärtherapie beeinflußte Mother widmen. Seine Tante Mary, genannt »Mimi«, kümmert sich seit Mitte der vierziger Jahre um ihn. Von ihr stammt der Ausspruch: »The guitar’s all very well, John, but you’ll never make a living at it.« Es dauert noch ein paar Jahre und ihr Neffe wird ihr das Gegenteil beweisen: Zusammen mit Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr revolutioniert Lennon innerhalb eines Jahrzehnts mit den Beatles und ihren insgesamt dreizehn Studioalben die Musik. Sein literarisches Talent beweist er mit zwei rasch aufeinanderfolgenden originellen Veröffentlichungen: In His Own Write und A Spaniard In The Works (Jonathan Cape, 1964/65) zeichnen sich durch ihren zynischen und zugleich optimistischen Stil aus und werden von Kritikern in eine Reihe mit den Werken Lewis Carrolls, Oscar Wildes und James Joyces gestellt. Während seiner Jahre als Vater und Hausmann in New York komplettiert er seine schriftstellerische Trilogie mit dem erst postum publizierten Skywriting By Hand Of Mouth (Harper Perennial, 1986), das neben surrealistischen Miniaturen und überbordenden Wortspielen auch autobiographische Passagen enthält. 1966 zieht er als »Musketeer Gripweed« mit Richard Lester, aber ohne seine Bandkollegen in den Krieg gegen den Krieg und emanzipiert sich somit in einer weiteren Gattung vom Epsteinschen Pilzkopf-Image – und den Beatles. Zwei vom Set mitgebrachte Objekte mit Symbolcharakter – die markante Nickelbrille und ein Entwurf für die »vertonte Psychoanalyse« Strawberry Fields Forever – vervollständigen das Bild vom Umbruch im Klub der einsamen Herzen.

»I don’t believe in Beatles—I just believe in me—Yoko and me«
Der Mann, dem seine Stimme zeitlebens nicht gefällt, wird zur Stimme nicht nur einer Generation: John Lennons Einfluß auf Musik, Literatur, Film, Kunst und Mode sowie sein gesellschaftliches Engagement, sein Einsatz für Frieden, Freiheit und Liebe, der durch aufsehenerregende Aktionen mit seiner Frau Yoko Ono zum Ausdruck kommt, können nicht hoch genug bewertet werden. Trotz seines immensen Erfolgs bleibt er fortwährend ein Getriebener, ein rast- und ruheloser Nowhere Man »like you and me« mit einem großen Bedürfnis nach Orientierung (»Look at me / Who am I supposed to be?«) und Wahrhaftigkeit (»All I want is the truth / Just gimme some truth«), der in einer Phase persönlicher Unsicherheit aufrichtig Help! ruft, die Welt ohne Scheuklappen an seinem Cold Turkey – dem kalten Drogenentzug – teilhaben läßt, Einblicke in die verletzliche Seele eines von Verlustängsten geplagten Jealous Guy gewährt und in Songs wie Working Class Hero die unendliche Geschichte vom Suchen, Finden und Halten des Glücks erzählt. Sein Privatleben wird zum Politikum; konsequent trägt er das Politische hinein ins Private. Als er 1966 die zu Unrecht geschmähte Fluxus-Künstlerin Ono in der Londoner Indica Galerie kennenlernt, bildet sich – nach der fruchtbaren Zusammenarbeit mit McCartney – eine zweite kongeniale Partnerschaft heraus, die er nutzt, um die Flitterwochen eines Beatles mit einer Japanerin öffentlich und friedenswerbewirksam in einem Amsterdamer Hotelbett in Szene zu setzen, sich im Namen der reinen, unverfälschten Botschaft in einen Sack zu hüllen und mit der Versteigerung einer Plastiktüte voller John-und-Yoko-Haar gleichfalls die Friedensbewegung zu unterstützen. Die Ballade von John und Yoko, dem »Ocean Child«, währt mit wenigen Unterbrechungen bis zu jenem tragischen Tag im Dezember 1980, an dem ein geistig Verwirrter seinen lange gereiften Plan vollendet, den »Heuchler« Lennon zu beseitigen – und damit ungewollt eine komplette Erinnerungskultur aus dem Boden stampft.

»You were the one who imagined it all«
Erinnerungen an John Lennon sind inzwischen ebenso wie Biographien über ihn auf unüberblickbare Quantitäten angewachsen. Die kontroverse, über tausend Seiten starke Lebensbeschreibung Philip Normans, John Lennon. Die Biographie (Droemer, 2008), sowie die autobiographischen Erinnerungen Klaus Voormanns (Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John, Heyne, 2003) oder Cynthia Lennons schlicht mit John (Hodder and Stoughton, 2005) überschriebene »real story of the real John« sind nur drei Beispiele für den Hurrikan, in dessen ruhigem Auge trotz aller Emanzipationsbestrebungen Lennons noch immer die Beatles stehen. Ähnlich der Beschäftigung mit den Songtexten Bob Dylans (Bob Dylan. Ein Kongreß, Suhrkamp, 2007) entwickelt sich mehr und mehr auch um eines der kulturell einflußreichsten Phänomene des 20. Jahrhunderts, die Beatles, ein wissenschaftlicher Diskurs. Bei Klett-Cotta erschien zu Beginn des Jahres in deutscher Übersetzung Die Beatles und die Philosophie. Klüger werden mit der besten Band aller Zeiten, dessen Rezension Klaus Modick mit Warum John Lennon der bessere Schelling ist betitelte (FAZ v. 24.04.2010, S. 34). So häuft sich Sedimentschicht auf Sedimentschicht, Interpretation auf Interpretation, doch die wohl eindringlichsten Erinnerungen an den Menschen, den Freund und das Vorbild John Lennon kommen von seinen Musikerkollegen, die ihm sogenannte Tribute-Songs widmeten: George Harrisons reverenzerweisendes All Those Years Ago (1981), Paul McCartneys anrührendes Here Today (1982), Elton Johns flehendes Empty Garden (Hey Hey Johnny) (1982), Queens emphatisches Life Is Real (Song For Lennon) (1982) oder Paul Simons balladeskes The Late Great Johnny Ace (1983) sind sicherlich die bekanntesten unter ihnen.

»Wherever you are, you are here«
John Lennon wird häufig als Ikone des 20. Jahrhunderts bezeichnet. In der semiotischen Terminologie des amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce sind Icons Zeichen der Firstness, die »nichts anderes darstellen [können] als Formen und Gefühle«. Gibt es eine bessere, eine prägnantere Definition von Musik? Und so behält Lennon schließlich recht: Life begins at 40 – es ist ein neues, ein anderes, ein freieres Leben, kein körperliches, sondern ein geistiges, musikalisches, zeichenhaftes. In der Grenzenlosigkeit virtueller Welten, in der Allgegenwart von Musik, Gedanken und Gefühlen schwingt stets ein Teil der Aura John Lennons mit, die auch im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit, auch dreißig Jahre nach Verlöschen des Originals an Stärke und Gültigkeit nichts verloren hat.

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