Also sprach Nocothustra

Eswarzweimal, vor roh nicht allzu, eventuell auch nicht viel zu langer Zeit, in einem raugereiften Landstricher namens Londrés, als ein langbehaarter Mensch sich urplötzlichst mit dem Älterwerden auseinanderzersetzen mußte.
Diese trübe Gestalt trug den Namen Noco, Noco mit einem C, obwohl er davon an den Füßen weitaus mehr vorzuweisen hatte. Noco machte sich nicht viel aus Geburtstagen; gerade seinen eigenen verteufelte er wie das Spalten hilf-, brot- oder rubbelloser Atome. Daher haßte er die Gratulationsgratifaktionsgraphiken, die in mündlicher, persönlicher, telefonischer, telemündlicher, perstelischer oder perpedischer Weiße an ihn herangetragen wurden. Er verabscheuerte das ganze Gesocks schleimender, vor ihm kriechender Mickermännchen, die sich krummbucklicht als Freunde ausgarben. Er vertünchte hochmütig einstellige Gleise, die Abstellcharakter entwickelten und zu nichts, außer seinem eigenen Gutdünken, angelegt wurden.
An diesem feurigen Dezembermorgen änderte jedoch ein schlagendes Argument Nocos geistige Zufaßung weltlich-perpetuierender Gesamtzusammenhänge: Per virtueller Reiterdepesche ward dem Jüngling ein Schriftstück überbracht, dessen lieblicher Wortschwall mit dem Verse »Der Umstand der grünen Ampeln – grüne Wiesen im Nebel« eingeleidet wurde. Geplättet ließ sich Noco auf ein arschig platziertes Möbel gleiten, das Waclav, der polnische Entbeiner, peinlichst genau in einen zentralen Transitraum des Nocoschen Anwesens drapiert hatte: den Nordnordost-Flügel! Singulär widmeten sich die Augen dem Schreiben. Es kam von der süffisanten Jungfer Krümhild, deren rosarotes Gemüt Noco stets eingeschüchtert hatte. Nun schrieb sie ihm einen vollminanten Folianten, nein: einen Brief, der den sorgenbeladenen Charakterunteroderoberton Krümhilds verbrieft.
Just in dem Moment, als Noco sich där epistulären Lekturä widmen wolltä, zerbarst das Wetter in einem Knäuel besonderer Geschehnisse: Conzuela – ihres Zeichens unwürdige Nachfahrin der legendären dreibrüstigen Glühdirne Esmeralda de la Corinther y Somnas Conspectandi und heurige Raummasseuse des Südwest-Flügels – trat rumpelnd ein, um Noco einen geburtstaglichen Knuff in Seine Saite zu geben. Piggelig wurde sie von einem Pulloverschwein aus dem Traum gejagt, konnte also weder in Gänze noch in Hälbe mittelbar überzeugen.
Noco las: Danke … Egozentrismus … Blödsinn … Problem … Leid … Eine scheibig-schimmernde Träne fluktuirrte über das unrasierte, jesuseske Antlitz Nocoscher Prägung. »Manchmal ist das Leben wie eine grüne Wiese im Nebel, nahe eines Flußes«, murmelte Noco, dem dieser Satz aussätzigerweise besonders deuchte. Er kuschelte sich tief in die Ohren des Sessels, mümmelte eine Möhre, rauchte ihren Stummel, kicherte ungemein leibhaft, warf einen Blick aus dem Fenster, direkt durch die klirrenden Scheiben, wo dösend Waclav im Treibsand identitätsstiftender Bürgerlichkeit versank, versiegte, vertrank, ertrank, sietrank, seetank, sehkrank, und blendete seine Seelenfenster zurück auf das Nachrichtenpergament Krümhildens: »Ich traue Dir so gut wie alles zu und würde Dich bei dem, so gut ich kann und nahezu egal, was es ist, auch unterstützen, so lange es Dich glücklich macht.« – Was für ein Angebot! Welch kühner Heroismus! Noco wußte nun, wen er um Hilfe bitten konnte, wenn er in nicht allzu erträglicher Zukunft die Weltherr- oder -damenschaft anstreben würde. Kraftstrotzend rief er zur Dachlukeskywalker aus: »Krümhild, die Königin der Kollaborateure! Die Loyalität in Person! Ein Machwerk Gottes, des Vaters, des Aalmächtigen! Welch ein Glück! Sie schickt der Himmel!«
Uhrplötzlich trat Jesaja prophetisch die Tapetentüre ein, da er sah, wie nah Noco am Wasser saß. Er schrie: »Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!« Noco schlug ihm sechsundsechzig Mal ins Gesicht, bevor er sich der schraubstöckigen Umklammerung Jesajas entziehen konnte. Mit einem verchromten 13a-Titanium-Eisen gab er ihm den Rest. Psychologisch fein sickerte der Leichnam durch die Bodenfugen ins Untergeschoß, in dem er fortan ein rührendes Spaltendasein fristen dürfte.
»Der Brief!«, enttönte es Noco. Er streifte die Schuld vom Leib, trennte die Spreu vom Weizen, mäkelte am Sinn solch subtiler Aggressivität und galoppierte schleichend in seinen aus Robbendarm gefertigten Sattel zurück: »Als ich dies das erste Mal las, befand ich mich gerade in meiner schlimmsten Krise. Ich hatte meine erste Liebe (das ist ein wahres Wort) nach drei Wochen verloren. Die Schmerzen gingen nicht fort. Das Pferd mußte ich auch wenige Wochen später weggeben. Und ich lief den ganzen Sommer nur durch die Straßen Londrés und las in Nietzsches Zarathustra.« Noco wurste nicht, warum, aber er wurde käsigbleich. Krümhild öffnete ihr Herz, und was sich unter all dem Pulsieren, dem blutigen Aortageschleim, den gefäßigen Kränzen zeigte, war ein sensibles, verletzbares Geschöpf. Noco fragte sich, woran sie die Liebe nach nur drei Wochen erkennen konnte?
»How can I give love when love is something I ain’t never have?« – Noco hatte sich stets von derartigen Gefühlen fernhalten können. Er war so dermaßen wehleidig, dass er jene von Krümhild angedeuteten, unendlichen Schmerzen wohl nicht verkraften würde können. Ein Schelm, dieser Noco! Ein Angsthase, dieser Noco! Ein Klotz, ein Grobian, ein Feigling, aber nur ein ganz, ganz, gaaaaaanz GROSSSSSSER!
Ungestüm und voller D-Mut krachte eine Krähe vor die sepiabraunen Blindglasfenster. Noco stand auf und kroch muränenartig zum Ausguck. Da lag sie: gebrochenes Genick, unglückliches Geschick, gestorben in der Blüte ihres Lebens. –

»Noco, bist Du glücklich?« … »Nein.«
»Lebst Du auch genug?« … »Wirf eine Münze!«
»Welche Farben hat Deine Welt?« … »Zu wenige.«
»Welche sollte sie haben?« … »Augenfarbe mit Kontaktlinsenschimmern.«

Noco wußte nun, was ihm fehlte.
Er sprang auf, auf, auf, rannte in die bogenförmigen Kellergewölbe, gab dem angeketteten Pianisten des Zauberschiffs einen Viertelcent und tanzte mit Conzuela einen Two-Step-Boogie avec avantgardistischer Beinschlinge im letzten Drittel einer Herzrhythmusstörung.

Und wenn er noch immer nicht gestorben ist, sollte ihn schleunigst jemand erschißen!

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