Bloomsday, or: it was six months ago today

Jakob, der Rabe

Abe Laboriel Jr. zeigt in Köln, wie Paul-McCartney-Songs klingen könnten

Die LANXESS-Arena in Köln-Deutz war heute vor sechs Monaten Schauplatz einer Drummer-Ekstase. Der amerikanische Perkussionist Abe Laboriel Jr. hatte dem umfangreichen Œuvre McCartneys ein paar Takte zu sagen.

Köln, 16. Dezember 2009. Unverschämt pünktlich begann das Konzert-Highlight des Jahres: um 20:14 Uhr schlug Abe Laboriel Jr. mit seinen Bandmitgliedern Paul McCartney, Rusty Anderson, Brian Ray sowie Paul »Wix« Wickens vor 15.000 zumeist älteren Semestern auf.

Zwei seiner größten Fans, die auf den Plätzen 11 und 12 in Block 610, Reihe 7, rumgammelten, bewahrten selbst in den emotionalsten Augenblicken stoische Ruhe, als sich um sie herum unzählige Flachzangen vom Verve einer grauenvollen Hallenakustik ihrer Sitze entledigten. Als etwas störend empfanden sie es, dass Paul McCartney, der zweitberühmteste Bassist nach Abe Laboriel Sr., häufig die Sicht auf den eigentlichen Star des Abends versperrte, der sich hinter dicken Plexiglasscheiben den Schweiß auf die Stirn hämmerte: Abe Laboriel Jr., »sitting like Buddha in a ten foot cell«.

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McCartney selbst konnte nur phasenweise dem enormen Tempo folgen, das Laboriel wummernd vorgab. Daher nutzte er die wenigen ruhigen Momente bei »Blackbird«, »Eleanor Rigby« oder »Yesterday«, um wieder zu Atem zu kommen. Doch auch hier spürte, sah und hörte man die feste Führungshand Laboriels, der auch stimmlich den Zebrastreifengänger in die Tasche zu stecken vermochte. Nur durch seinen richtungweisenden Gesang konnte die fiepsende Zitterstimme McCartneys gestützt werden, etwa im Refrain von »Eleanor Rigby«, in weiten Teilen von »The Long and Winding Road« oder in »A Day in the Life«.

Mit großer Verstörung reagierten versierte Teile des Publikums in Block 610 auf McCartneys Beschneidung des Lennon-Klassikers »Give Peace a Chance«, der völlig unvermittelt aus »A Day in the Life« hervorging. Stumpfsinnig reduzierte der Ex-Beatle den Erfolgshit seines ehemaligen Bandkollegen auf den bloßen Refrain, anstatt sich mutig von Bagism bis Krishna zu rappen. Nur durch die schlagkräftige Unterstützung des schwarzen Buddhas aus Amerika und die auf die zwei stillen Beobachter des irritierenden Geschehens nicht übergreifende Mitklatsch- und Grölbereitschaft der Arena konnte er dieses von Anfang an zum Scheitern verurteilte Unterfangen zu einem halbwegs glücklichen Ende bringen.

Laboriel machte seinem Namen alle Ehre: keiner schuftete so hart wie er! Hieß es in der spätmittelalterlichen Benediktinertradition noch »Ora et Labora«, so wurde diese Maxime in bestechender Weise transformiert: »Canta et Laboriel«.

Mit ein paar wie zufällig eingestreuten Deutschbrocken, einer altbekannten Raben-Anekdote, dem der winterlichen Jahreszeit geschuldeten, unvermeidlichen Rückgriff auf »Wonderful Christmas Time« und zwei Zugaben versuchte im Gegenzug der Liverpooler, die Aufmerksamkeit der Fans wieder auf sich zu lenken. Zum selben Zweck spielte der vermeintliche Haupt-Act in den gut zweieinhalb Stunden, die er sich des Beistandes des Schlagzeugers sicher sein konnte, insgesamt 35 Lieder, darunter eine teils etwas uninspirierte Auswahl aus dem Beatles-Katalog, allerlei Solomaterial sowie ein ohrenbetäubendes Feuerwerk an Wings-Songs – »Live and Let Die« dürfte den HNO-Ärzten der Region am Folgetag übervolle Praxen beschert haben –, brachte den Saal jedoch nie auf die selbe Weise zum Brodeln und Überkochen wie das konstant auf Siedepunktniveau dreschende Genie an den Drums.

Richtig überzeugen konnte der von Heather bis auf die konsequent hermelinfreien Stella-McCartney-Unterhosen Ausgezogene und in zwei Tagen seinen 68. Geburtstag Feiernde aber schließlich mit seinem neuesten Musikstück: »(I Want To) Come Home« wurde als Bestandteil von »Everybody’s Fine«, dem jüngsten Streifen Robert De Niros, mit Recht für einen Golden Globe Award nominiert und ist der beste Beweis dafür, dass Paul vielleicht doch nicht tot ist und die Klaviertasten nicht nur der linken Hand noch immer fest unter Kontrolle zu haben scheint. Auch das melancholische »And I Love Her« und ein in der Tradition des legendären »Concert for George« ukulelisiert dargebotenes »Something« brachte McCartney ungewohnt brillant und pointiert unters Volk.

And in the end… kann man diese Station der »Good Evening Europe«-Tournee Laboriels dann also zum passabel gelungenen Spagat zwischen Trommelkunst (Abe), verklärendem Kitsch (Paul) und Kommerz (Ticket-Preise) erklären, ohne ferner zu vergessen, dass an jenem Abend in Köln, Abe sei Dank, endlich auch die Kongenialität zweier bloggender Fans zum Live-Erlebnis werden durfte…

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