An James Boswell, im Kaiserhof, Utrecht

»London, 8. Dez. 1763

Mein lieber Boswell, Sie sollen sich nicht für vergessen oder sträflich vernachlässigt halten, weil Sie bisher noch keine Antwort bekommen haben. Ich liebe es, mit meinen Freunden zusammenzutreffen, von ihnen zu hören, mit ihnen und von ihnen zu sprechen, aber es geschieht nicht ohne beträchtliche Überwindung, daß ich mich zum Schreiben aufraffe. Ob ich es zu einem regelmäßigen Briefwechsel bringe, vermag ich deshalb nicht zu sagen. Empfangen Sie vorläufig dieses Schreiben als Antwort auf zwei, die ich von Ihnen bekommen habe. Das erste gab mir eine so trostlose Schilderung Ihrer Gemütsverfassung, daß es sich kaum beantworten ließ; das zweite gefiel mir besser, und noch lieber wird es mir sein, wenn aus Ihren Berichten hervorgeht, daß Sie mit Fleiß und Ausdauer irgendeiner sinnvollen Tätigkeit obliegen.

Sie werden vielleicht fragen, an was für ein Gebiet ich dabei denke. Von der Theologie will ich schweigen, da es nicht fraglich sein sollte, ob Sie den Willen Gottes zu erforschen bestrebt sind.

Ich will deshalb nur solche Gebiete in Betracht ziehen, bei denen es uns freisteht, sie zu bearbeiten oder sie außer acht zu lassen; und hier werden Sie wohl kaum eine bessere Wahl treffen können, als wenn Sie sich für das Zivilrecht entscheiden, wie Ihr Vater rät, und für die alten Sprachen, wie Sie selber im Sinne hatten. Nehmen Sie sich jedenfalls vor, solange Sie einen festen Aufenthaltsort haben, jeden Tag eine bestimmte Anzahl von Stunden über den Büchern zu verbringen. Die Zerfahrenheit, über die Sie sich beklagen, ist nichts anderes als das Schwanken eines zwischen verschiedenen Neigungen in der Schwebe befindlichen Geistes, der ständig seine Richtung ändert, je nachdem irgendeine Neigung stärker oder geringer wird. Wenn Sie auch nur ein starkes Verlangen in sich entfachen können, auf irgendeinem Gebiet etwas Besonderes zu leisten, dann werden alle Wahnvorstellungen sich verflüchtigen, ohne in Ihrem Verhalten oder Gedächtnis die geringste Spur zu hinterlassen.

Es schlummert wohl in jedem Menschen die Begier, sich hervorzutun, was den einzelnen veranlaßt, zu hoffen, und dann zu glauben, die Natur habe ihn mit etwas Einzigartigem begabt. Den einen läßt diese Einbildung gewisse Abneigungen hegen, einen andern veranlaßt sie, Gelüste künstlich großzuzüchten, bis sie weit über ihre ursprüngliche Macht hinausgelangen, und da ein jedes Getue im Laufe der Zeit zur Gewohnheit wird, bemächtigen sie sich dessen zuletzt ganz, der sie anfänglich nur zur Schau tragen wollte. Jede Begierde ist wie eine Natter am Busen, die, halb erfroren, harmlos ist, mit der Erwärmung aber zu Kräften kommt und dann ihr Gift absondert. Ein junger Mensch – Sie wissen, wen ich meine – als der sich in den Taumel der gesellschaftlichen Vergnügungen zu stürzen begann, wähnte er, Gleichgültigkeit und Liederlichkeit gehören zur Jugend, als Anzeichen eines unbeschwerten Gemüts und einer raschen Auffassungsgabe. Aufgeschlossen für alles, was ihn von außen oder von innen bewegte, glaubte er, schon durch den bloßen Anschein des Fleißes wäre sein Ruf als genialer Kopf gefährdet; er hoffte als einer dazustehen, der sich mitten im leichtlebigen Treiben gedankenloser Zerstreuung alle die Kenntnisse und Fähigkeiten erwirbt, zu denen gewöhnliche Sterbliche nur durch Hingabe und Plackerei gelangen. Mit diesem Leben versuchte er es eine Zeitlang, bis er, des traurigen Unsinns überdrüssig, sich wieder an die Arbeit machen wollte; da er sich aber der eingefleischten Untätigkeit und Vergnügungssucht nicht so leicht wieder entwöhnen konnte, wie er gemeint hatte, und außerdem immer noch an seinem Anspruch auf irgendwelche außerordentlichen Vorzüge festhielt, deutete er die üblichen Folgen der Liederlichkeit in ein unabänderliches Geschick um und kam zum Schluß, so wie ihn die Natur nun einmal geschaffen habe, sei er unfähig zu einer vernünftigen Beschäftigung.

Entschlagen Sie sich hinfort ein für allemal solcher Wahnvorstellungen. Fassen Sie einen Entschluß und bleiben Sie dabei; treffen Sie eine Wahl und gehen Sie in der eingeschlagenen Richtung weiter. Wenn Sie einen Tag lang bei der Arbeit ausharren, sind Sie am folgenden um so eher imstande zu arbeiten; freilich dürfen sie nicht sogleich mit einem vollständigen Sieg rechnen. Verkommenheit ist nicht leicht zu überwinden. Die Entschlußkraft kann nachlassen, der Arbeitseifer gestört werden; lassen Sie sich’s nicht anfechten. Betrachten Sie dergleichen Zwischenfälle als zur menschlichen Unzulänglichkeit gehörig. Fangen Sie da wieder an, wo Sie ausgesetzt hatten, und suchen Sie den Ablenkungen, die Ihnen in die Quere kamen, aus dem Weg zu gehen.

Dergleichen Ratschläge, mein lieber Boswell, sind Ihnen wohl schon öfters erteilt worden, ohne daß Sie sie beherzigt hätten. In diesem Fall sollte freilich eigene Überlegung Sie zu derselben Einsicht führen, wenn anders Sie gesonnen sind, den Posten auszufüllen, an den eine gütige Vorsehung Sie gestellt hat.

Schreiben Sie mir ausführlich, sobald es geht. Hoffentlich setzen Sie auch Ihr Tagebuch fort; das Land, in dem Sie sich aufhalten, gibt Ihnen ja reichlich Stoff zu Betrachtungen. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen,verschaffen Sie mir irgendwelche Texte in friesischer Sprache, und trachten Sie in Erfahrung zu bringen, wie die Armen in den Sieben Provinzen unterstützt werden. Ich bin, lieber Boswell, Ihr ganz ergebener Freund und Diener

Samuel Johnson«

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