Schattenhände

Von Nico Schulte-Ebbert

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Es gibt Songs, die wie Anker im stürmischen Meer der Zeit sind. Songs, die in ihrer simplen Eleganz unzählige Geschichten zu erzählen vermögen, Leben erschaffen, Situationen, ja, vielleicht zu Freunden werden.
»Freund« – ein wahrlich gigantisches Wort, so gigantisch, daß viele in seinem Schatten schlichtweg eingehen und verschwinden, weil sie selbst zu klein dafür sind. Im Nebel des Daseins sind Freunde schwerlich zu finden. Alles scheint unwirklich und kalt. Jeder versteckt sich hinter Masken, ist mal dieser, mal jener, ist hier und nicht hier. Der moderne Körper ist ein »Heterokorpus«, der sein Leben in »Heterotopien« verbringt. Alles ist nurmehr indirekt, vermittelt, schattenhaft existent. Die globalisierte Welt erschafft traditionelles Nomadentum: heute hier, morgen da. Der Mensch entwickelt sich zum »Fiebertier«, stets schwankend zwischen den Wahrnehmungsmodi und Medien, stets auf der Suche nach Abkühlung und gleichsam auf der Fährte der Hitze: Sex, Geld, Macht, Omnipräsenz und zwar »here, there & everywhere«.
Der Mensch löst sich auf. Foucault hatte recht. Auch Lévi-Strauss: die Welt hat ohne den Menschen begonnen, sie wird auch ohne ihn enden. Wir lösen uns auf in den Strukturen, die wir erschaffen haben, im Telefon, im Internet, in der Schrift. Dazu Dylan: »False-hearted judges dying in the webs that they spin, / Only a matter of time ‚til night comes steppin‘ in«. Die Medien sind unser Fieber. McLuhan korrigierend kann gesagt werden, daß eben diese Kommunikationsmedien die »heißen« Medien sind, denn gerade sie erfordern vollsten Einsatz und Aktivität, sind im Sinne der Wärmeentwicklung ihres Benutzers also »heiß«.
Und in eben diese Hitze hinein ergießt sich die eigenartige und äußerst seltene Kühle ganz spezieller Songs, die einen erden und gleichzeitig mitnehmen an Orte, an denen man nie war, die man jedoch kennt. »Bleecker Street« ist so ein »Heterotopos«, ein Transitraum, der durchzogen ist von vokalen Harmonien und Gitarrenbrisen, die vergehen und doch bleiben. Man fühlt sich frei an diesem anderen Ort. Statt Menschen trifft man auf Stimmen, Gesichter, Schattenhände. In den Straßen schlafen Männer. Ein Dichter verkündet schräge Verse. Eine Kirchenglocke erklingt mit sanftem Läuten. Das Panorama einer ganzen Welt verpackt in vier Strophen! Solche Songs sind es, die den Zynismus und das Monster aus uns treiben und uns die unbedingte Gewißheit verleihen, daß jeder in sich eine Bleecker Street trägt, zu der er fliehen kann, wenn das Fieber des 21. Jahrhunderts mit seinen Schattenkrallen zugreift und das Dasein zerreißt. Diese Songs sagen: »Ich bin da«, wenn kein Freund in der Nähe ist, der einem zuhört.

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