Ein Schlüsselerlebnis

Die anhaltende Dunkelheit machte ihn nervös – ganz zu schweigen vom ständigen Auf und Ab –, unwissend der Lage, jenseits jeglichen Zeitgefühls. Das Scheuern der Baumwolle kam von überall, erzeugte Wärme, die die Atmosphäre noch unerträglicher machte. Sich abwechselnd entfaltende und zusammenziehende Wände stärkten seine Unsicherheit. Er fühlte sich hilflos, ausgeliefert und ohnmächtig. Doch er war nicht allein. Er war in einem Bund organisiert, einem Bund von farbenfroher Zusammenstellung. Unterschiedliche Abstammungen. Unterschiedliche Charaktere. Unterschiedliche Mentalitäten. Alle hingen aneinander, teilten dasselbe Schicksal und machten es dadurch erträglicher. Kontrolliert von einer Macht, die sie in der Hand hatte, einer Macht, so unvorstellbar überlegen und groß, daß eine Flucht unmöglich wäre. Darüber hinaus war ihnen klar, daß sie bis zum Ende geprägt waren und ewig dieselbe Aufgabe zu erfüllen hatten. Sich seiner sklavischen Bestimmung bewußt, träumte er jedoch von einem anderen, einem besseren Leben, in dem er frei wählen und arbeiten konnte, einem Leben ohne ein soziales »Besser«, ohne Unterschiede, ohne Intoleranz.
Sein Traum wurde jäh unterbrochen, als das Schaukeln abebbte und alles zum Stillstand kam. Eine fürchterliche Stille setzte ein. Dann geschah es: mehrere fleischig-warme, gliedrige Gebilde griffen nach ihm und seinen Verbündeten und zogen sie aus dem Dunkeln heraus. Geblendet vom Licht begann die Selektion. Panik und Erleichterung wechselten sich ab. Ihm schlug das Herz bis zum Kopf, denn er wußte, daß er seinen Bart hinhalten mußte. Er sollte Recht behalten. Gezielt wurde er herausgenommen. Zwei der Glieder ergriffen ihn und brachten ihn in die gewünschte Position. In der Ferne erkannte er das goldene Ziel, dem er sich unfreiwillig näherte. In Sekundenbruchteilen wurden Ausrichtung und Geschwindigkeit angepaßt, so daß er schon bald eine optimale Lage erreicht hatte, um zu kontaktieren. Geschafft! Seine Zähne verbissen sich in der goldenen Höhle, drangen bis zum Ende in sie ein. Jetzt wurde er mehrmals hin und her gedreht, grob und ungeduldig, bis sich der Widerstand löste.
»Puh«, hörte er eine dunkle Stimme sagen, »auf Anhieb den Richtigen! Der Regen hätte mich ansonsten noch ziemlich erwischt.« – Diese Worte waren es, die eine unglaubliche Befriedigung und Selbstachtung in ihm hervorbrachten. Er wußte, daß diese beherrschende Macht auf ihn und seine Freunde angewiesen war. Mit einem zufriedenen Lächeln wurde er aus dem Loch entfernt und zurück in die Dunkelheit geworfen.

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