Der Körper des Feindes

Die Wörter: das sind die wahren Übeltäter! Wir kauen und zerkauen sie, schieben sie von einer zur anderen Seite, von der linken Backentasche in die rechte, mahlen sie, pressen sie, zerlutschen sie, bis sie eine herunterschluckbare Form angenommen haben. – Aber wir schlucken sie nur zur Hälfte, ja würgen sie regelrecht herunter, denn die andere, die größere Hälfte speien wir aus, erbrechen sie, spucken sie anderen Menschen vor den Kopf, vor ihre Alltagsvisagen, vor ihre Denkerstirnen, vor ihre Samariterherzen, vor ihre geweißelten Seelen. Was machen sie dort, diese zerrissenen Wörterbrocken, diese unvollständigen Puzzlestücke? Sie verkeilen sich in den Menschen, haften an ihnen, nehmen ihnen die Sicht.
Die andere, die kleinere, weil auf Schluckgröße geformte Hälfte wandert unterdes im eigenen Körper umher, eckt an empfindlichen Organen an, reizt Reizdärme, lässt die Magensäure aufschäumen, die Seele qualvoll aufheulen und verändert unentwegt den Rhythmus des eigenen ohnehin schon belasteten Herzens. Diese Amokfahrt brennt tiefe Löcher ins Fleisch, reißt große Fetzen heraus und kann vom Immunsystem nicht eingedämmt werden.
Einige, allerdings die wenigstens Wörterstücke schaffen es, emporzuklettern, ganz und gar unbemerkt, aber kraftvoll und effektiv emporzuklettern und dem Halbverdauungsprozess, diesem so schmerzhaften und völlig unbekömmlichen, ja ungesunden Halbverdauungsprozess, zu entgehen, entfliehen, entkommen. Es treibt sie ein unbändiger Instinkt, ein elementarer Wortmagnetismus, ein naturwüchsiger Wille, sich mit ihren verlorenen, abgebissenen Hälften zu vereinen, eine Klarheit zu schaffen, eine halbwegs klare Klarheit, eine halbwegs ganze Ganzheit, die beide Seiten verbindet und Schmerzen lindert. Die Natur strebt nämlich immer den Weg des geringsten, und das heißt: des schmerzlosen Widerstandes an.
Schafft es nun eines dieser kleinen, heroischen, verkrüppelten Wörtchen, sich mit seinem abgetrennten, kleinen, verkrüppelten Gegenwörtchen zu verbinden, bleibt das daraus entstandene mächtige Ideal– oder Gefühlswort zunächst inaktiv. Kraftlos schlummert es im Gegenüber, und oftmals dauert es Jahre, bis dieses Wort als das gehört wird, was es schlichtweg ist: die Wahrheit.

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